Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Presse

Köln, 28. Mai 2015

Polizisten unter Stress

PRESSEMITTEILUNG

 

Der G7-Gipfel und andere Großeinsätze: Interview mit Prof. Dr. Yvette Völschow zur psychischen Belastung von Polizeibeamten

Am 7. und 8. Juni 2015 treffen sich auf Schloss Elmau in Oberbayern wieder die Spitzenpolitiker zum G7-Gipfel. Mit ihnen werden wahrscheinlich auch zahlreiche Demonstranten vor Ort sein, die gegen die Wirtschaftspolitik der Industrienationen protestieren. Etwa 17.000 Polizisten sind im Einsatz, um für die Sicherheit zu sorgen. Wie gehen diese mit der psychischen Belastung bei einem solchen Großeinsatz um? Ein Interview mit Yvette Völschow, Professorin für Sozial- und Erziehungswissenschaften mit den Schwerpunkten Beratung, Kriminologie und Prävention an der Universität Vechta.

Am Rande von Großereignissen wie dem G7-Gipfel kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Wie kann sich ein Polizist psychisch auf solche Situationen vorbereiten?
Die Polizeikultur zeichnet sich durch einen großen Zusammenhalt aus. Die Ausbildung enthält inzwischen einen großen Teil psychologisch-pädagogischer Kompetenzvermittlung sowie Kommunikations- und Stresstrainings. Eine besondere Kraftquelle liegt in der psychischen Vorbereitung auf herausfordernde Einsätze. Hinzu kommen detaillierte Vor- und Nachbesprechungen. Zu wissen, dass man nicht allein ist, der Schutz der Gruppe und klare Strukturen auf Basis juristisch geregelter Vorgaben sorgen für eine gewisse innere Sicherheit.

Es ist denkbar, dass Polizisten bei einer solchen Veranstaltung die Beweggründe der Demonstranten nachvollziehen können, nun aber „auf der anderen Seite“ stehen. Wie können sie mit dieser inneren Zerrissenheit umgehen?
Für solche Erfahrungen werden unterschiedliche Umgangs- und Klärungsmöglichkeiten gelehrt. Sie umfassen auch die Option, sich aus einem bestimmten Fall „wegdelegieren“ zu lassen. Ob die Beamten über ihre innere Zerrissenheit sprechen, hängt nicht zuletzt mit dem Stand der betreffenden Person in der Dienststelle, mit der Gesprächs- und Fehlerkultur der Vorgesetzten und Kollegen, dem eigenen Reflexions- und Kommunikationsvermögen und zuweilen auch mit Beförderungswünschen zusammen. Die Polizei ist eine klassisch hierarchische Organisation, in der Werte wie Durchsetzungsvermögen und Standhaftigkeit sehr wichtig sind. Das Eingestehen von Belastungen kann demnach als Schwäche bewertet werden. In gut funktionierenden Dienststellen herrscht aber eine hohe Akzeptanz, wenn Probleme geäußert werden, und es werden schnelle Maßnahmen ergriffen – zum Beispiel, dass jemand an einer weiter entfernten „Einsatzfront“ platziert wird. Im Polizeidienst hat sich in den letzten Jahrzehnten – auch durch die verstärkte Aufnahme von Frauen – einiges geändert: So führt der Gruppenzusammenhalt nicht nur dazu, dass man Gefühle „wegdrückt“, sondern er kann auch dazu einladen, sich auffangen zu lassen. Zudem verfügt die Polizei über eigene psychosoziale Beratungsstellen, und für einige Sachgebiete wird auch Supervision angeboten. 

Inwiefern ist der Personzentrierte Ansatz (PZA) ein gutes Mittel, um Polizisten bei ihrer Arbeit zu unterstützen?
Ich hatte Möglichkeit, das auf dem PZA basierende Verfahren der „Kollegialen Beratung und Supervision“ in die Polizeiausbildung zu integrieren. Hier zeigte sich, dass insbesondere jüngere Kollegen und Kolleginnen offener mit ihren Problemen umgehen. Mit dem PZA sind aber auch in der Kommunikation mit dem Bürger sehr gute Erfahrungen gemacht worden: So hilft der Ansatz nicht nur im Umgang mit Opfern, sondern er kann auch deeskalierend im Umgang mit den Tätern wirken.

Interviewanfragen zu dem Thema bitte an:
Yvette Völschow
Tel.: 04441 / 15-536
Mail: yvette.voelschow@uni-vechta.de