Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Theoretischer Hintergrund

„Es ist im Leben sehr selten, dass uns jemand zuhört und
wirklich versteht, ohne gleich zu urteilen. Dies ist eine sehr
eindringliche Erfahrung.“ Rogers, Ohio, 80er-Jahre

 

Das Bild vom Menschen im Personzentrierten Ansatz


Rogers geht von der These aus, dass alles Leben zu seiner Entfaltung strebt und sich erhalten will. Leben trägt immer das Potenzial von Wachstum und Entwicklung in sich. Diese Tendenz bezeichnet Rogers als Aktualisierungstendenz. Sie ist die Triebkraft alles Lebendigen. Rogers fand zum Ende seines Lebens wesentliche Grundannahmen des Personzentrierten Ansatzes durch die moderne Physik bestätigt. Die Ergebnisse der Chaosforschung sowie der System- und Selbstorganisationstheorie stellten das bislang mechanistisch geprägte naturwissenschaftliche Weltbild in Frage. Idealvorstellungen der Steuerbarkeit,
Machbarkeit und Vorhersagbarkeit ließen sich nicht aufrechterhalten. Menschliche Entwicklungsprozesse müssen danach auch unter dem Aspekt der Selbstorganisation betrachtet werden; Menschen sind sich selbst entwickelnde Systeme. Zentrales Merkmal des Personzentrierten Ansatzes ist deshalb das Vertrauen in die jedem Menschen innewohnende Kraft, konstruktive Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Ziel des Personzentrierten Ansatzes ist es daher, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich die Aktualisierungstendenz entfalten kann, die positive Veränderungen, Wachstum und Problemlösung ermöglicht. Nach dem Personzentrierten Ansatz bringt jeder Hilfesuchende nicht nur das Problem mit, sondern auch die Lösung. Diese konsequente Entwicklungs- und Ressourcenorientierung ist es, die den Personzentrierten Ansatz von anderen Ansätzen unterscheidet.

 

Ob in klientenzentrierten Beratungs- oder Therapiesituationen: Im Mittelpunkt steht immer der Mensch und nicht sein isoliertes Problem. Der Ansatz heißt im englischen personcentered approach (PCA). Das Wort „approach“ (Annäherung, Herangehen, Zugang, Weg) verdeutlicht, dass es nicht um spezielle therapeutische oder pädagogische Techniken geht, sondern um Einstellungen und Haltungen gegenüber den Patient bzw. Klient. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen, dass die Beziehung zwischen Klient und Therapeut den Erfolg von Beratungen und Therapien in einem weitaus größeren Maße bestimmt als spezifische Techniken. Die besondere Bedeutung, die der Herstellung einer hilfreichen Beziehung zukommt, erfordert besondere persönliche Fähigkeiten. Das macht für Gesprächspsychotherapeut oder Personzentrierte Berater während ihrer Ausbildung eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Person erforderlich, die durch Selbsterfahrung, Eigentherapie und die berufsbegleitende Supervision erreicht wird. Vertrauen in Entwicklungsprozesse und Streben nach Entfaltung sind somit neben der Selbstbestimmung des Menschen die philosophischen Fundamente der Humanistischen Psychologie. Sie wird als humanistisch bezeichnet, weil sie das spezifisch Menschliche betont, z. B. Kreativität, Subjektivität und das Streben nach Selbstausdruck. Im historischen Rückblick wird die Humanistische Psychologie auch als „dritte Kraft“ in der Psychotherapie bezeichnet – neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie. In dem Personzentrierten Ansatz findet die Humanistische Psychologie ihre stärkste Ausprägung. Die Phänomennologie der Existenzphilosophie und die fernöstliche Philosophie sind weitere Strömungen, die den Personzentrierten Ansatz beeinflusst haben.


Ausgangspunkt für das humanistische Menschenbild sind vier Thesen:

  • Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die erlebende Person. Damit rückt das Erleben als das primäre Phänomen beim Studium des Menschen in den Mittelpunkt. Sowohl theoretische Erklärungen wie auch sichtbares Verhalten werden im Hinblick auf das Erleben selbst und auf seine Bedeutung für den Menschen als zweitrangig betrachtet.
  • Der Akzent liegt auf spezifisch menschlichen Eigenschaften wie der Fähigkeit zu wählen, der Kreativität, der eigenen Wertsetzung und Selbstverwirklichung – im Gegensatz zu einer mechanistischen und reduktionistischen Auffassung des Menschen.
  • Die Auswahl der Fragestellungen und der Forschungsmethoden folgt dem Aspekt der Sinnhaftigkeit – im Gegensatz zur Betonung der Objektivität auf Kosten des Sinnes.
  • Ein zentrales Anliegen ist es, den Wert und die Würde des Menschen aufrecht zu erhalten. Das Interesse gilt der Entwicklung der jedem Menschen innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten. Die Fähigkeit des Menschen, sein Selbst zu entdecken und zu diesem selbstreflexiv in Beziehung zu treten, macht ihn einzigartig unter allen Lebewesen.
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