Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Entstehungsgeschichte

Komplizierte Namensfindung

„Personzentrierter Ansatz“ – diese Bezeichnung hat sich inzwischen für den wissenschaftlichen Ansatz im Bereich der Psychotherapie und Beratung durchgesetzt, der auf den amerikanischen Psychologen Carl R. Rogers zurückgeht. Die lange Zeit wechselnden Bezeichnungen für Rogers Therapieansatz verdeutlichen die Entwicklungen, die dieser Ansatz seit seiner Entstehung erfahren hat. Rogers resümierte 1983 über die komplizierte Namensfindung: „Ich lächle, wenn ich an die verschiedenen Etiketten denke, mit denen ich dieses Thema im Laufe meines Berufsweges versehen habe: Nicht-direktive Beratung, Klientenzentrierte Therapie, schülerzentrierter Unterricht, gruppenzentrierte Führung. Da die Anwendungsgebiete an Zahl und Vielfalt zugenommen haben, erscheint mir jetzt die Bezeichnung Personzentrierter Ansatz am aussagekräftigsten.“1 (Rogers, 1983 b, S. 66) Rogers wurde erst durch die Reaktionen auf seinen Ansatz bewusst, wie weit er sich mit seinen Forschungen, Erkenntnissen und theoretischen Ansätzen von den damals gängigen Auffassungen in Psychotherapie und Beratung bereits entfernt hatte. Später wird man von einem Paradigmenwechsel, einer radikalen Neuorientierung sprechen und Rogers wegen der scheinbaren Einfachheit seines Ansatzes einen „stillen Revolutionär“ nennen.

 

Der Klient als Experte seiner selbst 

Die psychosoziale Praxis am Beginn des letzten Jahrhunderts war – grob skizziert – von der traditionellen Psychiatrie, der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie dominiert. Die traditionelle Psychiatrie hatte begonnen, sich von dem Bild der Anstaltspsychiatrie zu lösen und setzte ihre Hoffnungen auf die gerade aufstrebende Entwicklung von Psychopharmaka. Während Anhänger der Psychoanalyse die triebhafte Natur des Menschen betonten, propagierten Anhänger der Verhaltenstherapie die Rationalität und die Erziehbarkeit des Menschen. Ein Hilfesuchender sah sich demnach in jedem Fall einem Experten gegenüber, einem Experten für das richtige Medikament, einem Experten für die richtige Deutung oder einem Experten für das richtige Lernprogramm. Im Gegensatz dazu hatte Rogers in seiner mehrjährigen Arbeit in einer Erziehungsberatungsstelle die Erfahrung gemacht, dass Hilfesuchende immer dann ihren eigenen Weg finden, wenn er selbst jede "Expertenattitüde“ ablegte und versuchte, die Sichtweise des jeweiligen Gegenübers genau zu verstehen und ihm nicht urteilend und nicht lenkend gegenüberzutreten. Rogers bezeichnete diese Methode zunächst als „non-direktive Beratung“. Diese Beratung beinhaltete, dass der Hilfesuchende als Experte seiner selbst galt. Rogers sprach daher nicht von Patient/innen, sondern von Klient/innen. Mit der Ablehnung des Patientenstatus betonte er die Selbstbestimmung der Klient/innen.

 

Die Merkmale einer hilfreichen Beziehung

Rogers konzentrierte seine intensive empirische Forschung über viele Jahre auf die Frage nach jenen Merkmalen, die in hilfreichen Beziehungen zu beobachten sind, und wie diese Merkmale in der Praxis genutzt werden können. Als „hilfreich“ galt ihm eine Beziehung immer dann, wenn sie die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen erkennbar förderte. Mit dieser Auffassung wird die radikale Abkehr von damals vorherrschenden Auffassungen deutlich. Im Vordergrund steht nicht die Symptombehandlung, sondern die persönliche Entwicklung des/der Klient/in, die ihrerseits zur Minderung oder Auflösung der Symptome führen wird. Dieses positive und individualistische Menschenbild im Therapie-Ansatz von Rogers traf in der Roosevelt-Ära („New Deal“) zu Beginn des letzten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten auf Resonanz. Rogers’ Ansatz entwickelte sich im kreativen Zusammenspiel von Zeitgeist, philosophischen Strömungen, seiner eigenen Lebensgeschichte und seinen persönlichen Begegnungen. Entscheidend für die Entwicklung und theoretische Fundierung des Personzentrierten Ansatzes waren Rogers’ tatsächliche Erfahrungen in der therapeutischen und beratenden Praxis und deren systematische Reflexion und Erforschung.

 

Der neue Weg

Um die Merkmale hilfreicher Beziehungen erforschen zu können, zeichneten Rogers und seine Mitarbeiter/innen Gespräche auf Schallplatten auf und analysierten sie. Diese systematische empirische Forschung führte zu der Erkenntnis, dass besonders die Gesprächspassagen positive Veränderungen anstoßen, in denen der Therapeut sich nicht lenkend oder manipulativ verhält, sondern dem Klient ein von bedingungsfreier Beachtung geprägtes Beziehungsangebot macht, in dem er sich auf die subjektive Erlebniswelt des Klient einlässt. 1942 fasst Rogers die Forschungsergebnisse, Praxiserfahrungen und theoretischen Überlegungen
in seinem Buch „Counseling and Psychotherapy. Newer Concepts in Practice“ (deutsche Veröffentlichung: „Die nicht-direktive Beratung“ [1972]) zusammen. Der darin enthaltene Fall von Herbert Bryan gilt als erstes vollständig aufgenommenes, transkribiertes und veröffentlichtes therapeutisches Gespräch in der Geschichte der Psychotherapieforschung. Rogers’ Verdienst ist es, erstmals öffentlich und der Forschung zugänglich gemacht zu haben, was in einer Psychotherapie passiert. Gleichzeitig ebnete diese Methode der Ausbildung und Supervision von Psychotherapeuten neue Wege.

Das von Rogers geforderte „non-direktive Therapeutenverhalten“ erwies sich jedoch schon bald als missverständlich und als willkommener Angriffspunkt gegen die radikal neue Sichtweise in Psychotherapie und Beratung. „Non-direktiv“ barg die Gefahr, als passiv und inaktiv missverstanden zu werden. Äußerungen von Therapeuten wurden als bloße Wiederholungen der Aussagen von Patienten karikiert. Die Sichtweise eines Patienten zu verstehen wurde z. T. darauf reduziert, dass dabei nur die Gefühle der Klienten gespiegelt würden. Diese Hintergründe waren letztlich die Quellen, aus denen sich die Suche nach einem geeigneten Namen für diesen Ansatz speiste. In den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden im Ergebnis umfangreicher Forschung und theoretischer Auseinandersetzung die Grundlagen des Ansatzes ausgearbeitet und der Begriff „klientenzentriert“ geprägt.

 

Aktuelle Entwicklungen in der Personzentrierten Psychotherapie

In den letzten Jahrzehnten gab es zahlreiche Weiterentwicklungen. Einige Vertreter/innen des Ansatzes erforschten, wie die Anwendung des Ansatzes störungsspezifisch optimiert werden kann. Dies hat zum Teil zu Neuformulierungen verschiedener theoretischer Grundlagen geführt. Eine Entwicklungsrichtung des Personzentrierten Ansatzes ist demnach zunehmend auch durch "störungsspezifische“ Sichtweisen gekennzeichnet. Eine andere Entwicklungsrichtung ist durch die Förderung des Erlebens der Klienten charakterisiert („Experiential Psychotherapy“). Vertreter dieser Richtung konzentrierten sich darauf, genauer zu untersuchen, wie Patienten immer mehr persönliche Erfahrungen zulassen und akzeptieren und in ihr Selbstbild aufnehmen können. Verbunden mit dieser Forschung war die Frage, wie Therapeut den Prozess der Selbstannahme gezielter oder aktiver unterstützen können. Diese "erlebensbezogene“ Sichtweise hat zu besonderen Ausprägungen geführt. Die bekanntesten Ansätze sind die „Emotion Focused Therapy“ nach Leslie Greenberg (ursprünglich Prozess-erlebnisorientierte Psychotherapie nach Greenberg, Rice & Elliott) und der Ansatz der „Focusing-orientierten Psychotherapie“ nach Eugene Gendlin. Encounter – als Weiterentwicklung Der zunehmende Wunsch nach Selbsterfahrung und die vom Zeitgeist getragene Suche nach dem Selbst führten in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts auch dazu, dass die sogenannte Encounter-Bewegung entstand, die maßgeblich von Rogers beeinflusst war. Der Begriff Encounter meint intensive persönliche Begegnungen, wie sie hauptsächlich in Gruppen erlebt werden. „Journey into the self“ (1968), ein Film, der Rogers‘ Arbeit mit einer Encounter-Gruppe zeigt, wurde als Dokumentarfilm ausgezeichnet. Die Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Leitung von Großgruppen gaben dem Ansatz seinen dritten – bislang letzten – Namen: Personzentrierter Ansatz. Hatte Rogers schon immer betont, dass es ihm um die Merkmale hilfreicher Beziehungen  allgemein ging, so erweiterte die Encounter-Bewegung nun endgültig die Grenzen von Therapie und Beratung. Die Philosophie des Ansatzes wurde nicht nur als hilfreich in Therapie und Beratung angesehen, sondern galt zunehmend auch in Erziehung, Management, Politik und Familie als wegweisend. Im Mittelpunkt stand der Dialog im Sinne einer Begegnung und die Beziehung von Person zu Person („person to person“). 

 

Verbreitung in Deutschland

In Deutschland wurde der Personzentrierte Ansatz in den 60er-Jahren bekannt und verbreitet. In der BRD haben die Hamburger Psychologen Anne-Marie Tausch und Professor Reinhard Tausch den Ansatz als Gesprächspsychotherapie eingeführt, in der ehemaligen DDR die Ost-Berliner Professorin Inge Frohburg und Professor Johannes Helm. Die Gesprächspsychotherapie ist über ihre gesamte Geschichte hinweg eng mit der universitären Lehre und Forschung verbunden. Besondere Forschungstraditionen bestehen in Hamburg und in Berlin. Heute wird der Personzentrierte Ansatz nicht nur in der Psychotherapie und der psychosozialen Beratung erfolgreich angewendet, sondern u. a. auch in Schulen, in der Pädagogik, in der Erwachsenenbildung, in der Personal- und Organisationsentwicklung, im Coaching, im Management und in der Supervision. Die Wirksamkeit dieses Ansatzes ist „für ein weites Spektrum an Störungen“ (Grawe, 1995, S. 135) überzeugend nachgewiesen worden. Gesprächspsychotherapie wird bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, bei Paaren und Gruppen angewendet. Die Anwendungsfelder beziehen sich auf die medizinische Versorgung, psychiatrische Einrichtungen und Einrichtungen für psychosomatische Patienten, d. h. Menschen mit körperlichen Beschwerden, für die keine organischen Ursachen vorliegen.