Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Wer den Schaden hat... Die Finanzkrise – aus personzentrierter Sicht

Hilft eine Portion Galgenhumor, um die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise zu überwinden? Sie hilft, aber es sollte nicht die einzige Reaktion sein.

Noch vor nicht langer Zeit war das Börsenparkett weiten Teilen der deutschen Bevölkerung fremd. Die bevorzugten Anlageformen waren das Sparbuch oder der Sparbrief. Da es in den letzten ca. 50 Jahren einer breiteren Bevölkerungsgruppe möglich war, größere Summen zu sparen und angesichts des Internet-Booms Ende der neunziger Jahre, wurde den Bürgern von politischer und wirtschaftlicher Seite nahe gelegt, ihr Erspartes in börsennotierten Papieren zu investieren und damit von den schnell steigenden Kursen zu profitieren. Zur Jahrtausendwende ist diese „Börsenblase“ geplatzt und viele Anleger haben Verluste verbuchen müssen. Damals konnten Laien erleben, dass sich Börsenphantasien ohne Substanz nicht dauerhaft in steigenden Kursen niederschlagen. Einige gewiefte Anleger haben profitiert und rechtzeitig ihre Wertpapiere verkauft. Viele andere mussten die Zeche zahlen.

Seither hat sich wenig zum Positiven verändert. Der sich anschließende erneute konjunkturelle Aufschwung ist für die Mehrheit der Bevölkerung kaum oder gar nicht spürbar geworden. Selbst wenn das Sinken der offiziellen Arbeitslosenzahlen etwas anderes anzudeuten scheint. Aber das Netz der sozialen Sicherung ist brüchig geworden und mehr Eigenverantwortung wird propagiert. Erst langsam findet ein Umdenken statt. Ohne deutlichen Konsumverzicht wird der jüngeren Generation eine Sicherung des Lebensstandards im Alter nicht möglich sein. Der Verdienst aus Teilzeitarbeit, zeitlich befristeter oder geringfügigerer Beschäftigung reicht bei steigenden Lebenshaltungskosten und steigender Inflationsrate weder aus, um den privaten Konsum deutlich zu steigern, noch die erforderlichen Rücklagen für die private Altersversorgung durch Sparen zu bilden. Schon gar nicht für beides. Die Verzinsung der als sicher geltenden Anlageformen reicht kaum aus, um die gestiegene Inflationsrate auszugleichen. Wer in Wohneigentum investiert hat, musste in den letzten Jahren in Deutschland ebenfalls eher Wertverluste als -zuwächse in Kauf nehmen.

Erneut werden als Alternative die Börse und immer komplizierter werdenden Finanzprodukte propagiert. Eine schnelle Vermehrung des Vermögens wird versprochen. Personen, die einen großen Bogen um ein Spielkasino machen, gehen „Wetten auf die Zukunft“ ein mit der Chance zu gewinnen und dem Risiko ihr Erspartes zu verlieren. Angesichts der hohen weltweiten Staatsverschuldung und der eher zu- als abnehmenden politischen Konflikten lassen sich die in der Vergangenheit erzielten hohen Renditen aber nicht einfach fortschreiben. Praktiker wissen, dass es auf den internationalen Finanzmärkten nicht sehr rational zugeht, was seriöse Forschung auf dem Gebiet der Wirtschaftspsychologie und „behavioral finance“ zu bestätigen scheint. Wenn der Präsident der isländischen Zentralbank, David Oddsson, angesichts des Desasters lapidar anmerkt, wer spekuliert, müsse auch die Konsequenzen tragen, so ist das im Moment zwar nicht politisch korrekt, aber inhaltlich dennoch richtig.

Was ist schiefgelaufen?

Das Vertrauen der Banken untereinander und in der Folge das der Anleger in die Banken ist verloren gegangen. Experten sagen, dass die Krise nicht überraschend kam. Nur wussten viele Anleger bisher nicht, dass eine Krise im US-amerikanischen Immobilienmarkt Auswirkungen auf die Sparkasse um die Ecke haben kann und damit auf das eigene Konto. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich formulierte es so: „Diese Krise ist nichts Schicksalhaftes, sondern allein von Menschen verursacht – sei es durch Dummheit, Faulheit, Schlamperei, durch Ignoranz, Raffgier, kriminelle Machenschaften oder einer Mischung aus all dem“.

Einfach ausgedrückt: US-amerikanische Banken haben einer großen Zahl von Kunden Kredite gegeben, um Häuser zu kaufen, die aus ihrem eigenen Einkommen die Kredite nicht zurückzahlen können. Die Tilgung der Kredite wurde zum Teil sogar ausgesetzt, so dass die Schulden eher wuchsen als geringer wurden. Spekuliert wurde auf steigende Hauspreise, so dass die Kreditnehmer ihre Häuser mit Gewinn weiter verkaufen könnten, bevor die Schuldenlast zu groß würde. Banken und Hausbesitzer hätten profitiert. Andere Banken weltweit haben diese Kredite den US-amerikanischen Banken abgekauft und mussten feststellen, dass bei einer sich abschwächenden Konjunktur die Nachfrage nach (teuren) Häusern in den USA zum Erliegen kam. Viele Banken in den USA und anderswo gerieten in Bedrängnis wegen der hohen Abschreibungen und einige mussten Konkurs anmelden. Die Banken untereinander sind in der Folge nicht mehr bereit, sich gegenseitig hohe Kredite zu gewähren, was für das tägliche Bankgeschäft unerlässlich ist. Dies löste die weltweite Bankenkrise aus. Da die Risikoprüfung der Banken deutlich verschärft wurde und auch Unternehmen davon betroffen sind, hat dies weitreichende Folgen für die Wirtschaft.

Was ist die Folge?

Die Regierungen haben befürchtet, dass in der unsicheren Situation die Kunden ihre Einlagen abheben könnten. Wenn dies rund um den Globus geschieht, liegt ein Kollaps der Weltwirtschaft nahe. Nach kurzer Zeit hätten die Banken ihre Türen verschlossen. Politische Unruhen hätten sich ereignen können. Staatsgarantien sollen dies verhindern.

Banken galten bisher als der seriöse Teil der Finanzbranche. Die Kunden vertrauten dem „Bankbeamten“, auch wenn er nur Angestellter war. Seiner Hausbank blieb der Kunde treu. Dieser Vertrauensvorschuss scheint nun endgültig verspielt. Sowohl öffentlich-rechtliche als auch private Institute, die an den spekulativen Hausfinanzierungen in den USA verdienen wollten, nehmen hohe Abschreibungen vor. Die Börsenkurse fallen über alle Branchen hinweg. Viele Kunden beklagen sich, dass „ihr“ Bankberater ihnen Wertpapiere mit dem Versprechen einer hohen Rendite verkauft habe, die heute deutlich weniger wert sind oder sogar wertlos geworden sind. Die Aktienkurse sind dramatisch gefallen. Die Banken weisen darauf hin, dass die Kunden unterschrieben haben, über die Risiken belehrt worden zu sein. Aber der gute Ruf der Branche ist ruiniert.

Auf der individuellen Ebene mischen sich Ängste um die Zukunft mit Unsicherheit, wie die Krise bewältigt werden kann. Auch Wut über die Verantwortlichen Manager und das eigene Unvermögen entsteht. Gravierende Folgen wird die Finanzmarktkrise zukünftig noch für diejenigen haben, deren Arbeitsplatz und damit deren Existenz durch den aktuellen Wirtschaftsabschwung bedroht ist. Wie viele davon betroffen sein werden, ist noch nicht abzusehen.

Für alle anderen gilt, dass materielle Verluste leichter zu verarbeiten sind als persönliche. Wut kann sogar konstruktive Konsequenzen erzeugen, wenn sie zum Handeln motiviert. Dafür ist jedoch wichtig zu wissen, wie zukünftig Fehler vermieden werden können.

Was kann der Einzelne aus diesen Erfahrungen lernen?

Einfache Regeln, deren Beachtung vor Schaden bewahren kann.

  1. Skeptisch bleiben, wenn es um hohe Geldsummen geht. Nicht dem Erstbestem vertrauen. Auch wenn „Berater“ auf der Visitenkarte steht, sind Bankangestellte und Finanzvermittler zu Verkäufern geworden. Sie stehen unter hohem Zielerreichungsdruck, was zur Folge hat, dass deren eigene über den Kundeninteressen stehen.

  2. Sichere Anlagen bevorzugen, auch wenn der Wertzuwachs geringer ist. Nicht nach dem Prinzip handeln: „Spare Steuern - koste es, was es wolle“. Mit dem Steuersparargument haben sich schon viele Anleger zu riskanten Geldanlagen verführen lassen und es bitter bereut.

  3. Gründlich vergleichen. Bei einfachen Verbrauchsgütern werden Tests herangezogen, um qualitativ Hochwertiges zu kaufen. Bei Geldanlagen mit langer Bindungswirkung wird jedoch schon beim ersten Gespräch unterschrieben. Die mehrfache, explizite Frage nach den mit einer bestimmten Geldanlage verbundenen Kosten und Risiken ist nicht verboten! Wenn darauf ausweichend und oberflächlich reagiert wird, ist dies ein guter Indikator, sich darauf nicht einzulassen. Wie bei anderen Geschäften von hohem Wert sollte auch bei Geldgeschäften nicht spontan gehandelt werden.

  4. Nicht vorschnell unterschreiben. Sich nicht unter Druck setzen lassen, etwas zu kaufen, was intransparent und unverständlich ist.

  5. Geldanlagen mit hohem Risiko nur dann wählen, wenn über das Geld längerfristig nicht verfügt werden muss. Anlagen wie Aktien oder Zertifikate, die überdurchschnittlichen Ertrag versprechen, sind stärker risikobehaftet. Solche Risiken sollte nur eingehen, wer auch Verluste verkraften kann, ohne in Existenznot zu geraten.

  6. Die Bank wechseln, wenn man sich schlecht beraten fühlt. Das Beharrungsvermögen der Kunden ist im Vergleich zu anderen Sparten noch sehr groß.

In Deutschland ist das Thema „Geld“ mit einem Tabu belegt. Es wird nicht darüber gesprochen. Wer sich damit beschäftigt, hat entweder zu viel davon oder er hat es nötig. Dies trägt zum weit verbreiteten Nichtwissen bei. Eine gefährliche Abhängigkeit auf einem existenziell wichtigen Gebiet entsteht, wenn das mühsam Ersparte nicht nur verwahrt, sondern auch vermehrt werden soll. Viele überkommt das Gefühl, sich auszuliefern, wenn sie ihre „finanziellen Verhältnisse“ offenlegen. Um die fehlende Kompetenz in Finanzfragen aufzubauen, sollte der Umgang mit Geld in das Curriculum der Schulen integriert werden. Dazu gilt es, die Lehrkräfte entsprechend zu trainieren. Mehr wirtschaftliches Wissen kann helfen, die Überschuldung von Privathaushalten zu reduzieren und die Souveränität der Verbraucher zu erhöhen. Manche Finanzberater werden schnell kleinlaut, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber weiß, was er (oder sie) will.

Der Volksmund sagt „Geld macht nicht glücklich – aber es beruhigt“. Im Moment sind die Aufregung und der Ärger groß. Den wenigen, die nachweislich durch die Bankpleiten und den Börsencrash in persönliche Not geraten sind, sollte als vertrauensbildende Maßnahme von den Banken unbürokratisch geholfen werden, selbst wenn sie dazu rechtlich nicht verpflichtet sind. Auch den Banken werden von staatlicher Seite ohne rechtliche Verpflichtung im großen Umfang Hilfsangebote gemacht. Dafür bezahlen die Steuerzahler. Solange die Erhöhung der Staatsverschuldung und das Risiko für Politiker angesichts kurzer Legislaturperioden für einen Staatsbankrotts verantwortlich gemacht zu werden überschaubar ist, werden wir wieder zur Normalität zurückkehren - bis zur nächsten Finanzkrise.

 

Prof. Dr. Michael Krämer
Fachhochschule Münster
Fachbereich 08
Corrensstr. 25
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Tel.: 0251 8365439