Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Wirksame Psychotherapieverfahren?

22. November 2016 / Christa Kosmala (M.A.)

 

Was darf noch alles an Unsinn in die Welt posaunt oder totgeschwiegen werden – auch zum Thema „wirksame Psychotherapieverfahren“?

von Christa Kosmala

 

Was bringt Psychotherapie? Diese hochinteressant Frage stellte die ZEIT prominent platziert als Aufmacher auf ihrer Titelseite am 3.11.2016 vor. Unter der Schlagzeile folgten vielversprechende Sätze wie diese: „Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist. Welche Verfahren wirklich wirken. Und warum eine längere Behandlung nicht unbedingt besser ist.“ Die Informationen dazu fanden sich dann jedoch – eine erste Irritation - nicht in der ZEIT selbst vom 3.11. sondern im dazugehörigen „ Magazin“ mit dem Titel „ZEIT Doctor." Was aber dann in diesem Magazin zum Thema zu finden war, offenbarte sich als äußerst dürftig, denn es erfüllte sich keine einzige der hochinteressanten Ankündigungen. Es gab zur Schlagzeile nur einen einzigen vierseitigen Artikel in dem dreißigseitigen Heft - mit weiteren völlig anderen Themen und auffällig vielen Anzeigenseiten.

 

Dieser eine Artikel also zur Frage nach der Relevanz von Psychotherapie stellte einzig (und ausschnitthaft) verhaltenstherapeutische Verfahren als die relevanten Psychotherapieverfahren vor – die „wirklich wirken“. Hervorgehoben wurde als exemplarisches Beispiel (S. 7) die Geschichte eines Mannes, der nach (erster) erfolgloser Psychotherapie "schließlich" aus "den Grübelschleifen" ausbrechen konnte, indem er "zunächst mit Antidepressiva" behandelt wurde! Erst dann habe für ihn ein verhaltenstherapeutisches Verfahren folgen können, welches endlich geholfen habe. Vertiefend wurde dann zur Wirksamkeit dieses Verfahrens beschrieben, dass es aber nur geklappt habe, weil die Therapeutin vom "hohen Ross" gestiegen sei und "Dinge von sich selbst" preisgegeben habe (S.8).  Hier zeigte sich explizit die Abwesenheit von Wissen bezüglich der Wirkweise, Vorgehensweise und Vielfältigkeit psychotherapeutischer Verfahren und ihrer Methodenrelevanz. Denn es besteht längst kein Zweifel mehr in Wissenschafts- und Fachkreisen, dass das wirksamste therapeutische Agens „die Beziehung“ zwischen Klient und Therapeut ist.

Der Artikel enthielt insgesamt kaum relevante (nützliche) Informationen zum angekündigten sehr breiten Themenfeld. Die wenigen aussagekräftigen Informationsteilchen zu verhaltenstherapeutischen Verfahren konnten den Mangel an Kenntniss und die Abwesenheit journalistischer Selbstverpflichtung zu angemessener Information nicht wett machen. Anders gesagt, inhaltlich wurde die Bandbreite des Themenfeldes nicht ansatzweise aufgegriffen, denn wissenschaftlich anerkannte Humanistische Therapieverfahren wurden gar nicht erwähnt und über  psychodynamische Therapieverfahren finden sich kaum mehr als zwei Sätze.

 

Vor allem aber, nach der Lektüre des gesamten Artikels wird man den Eindruck des manipulativen Charakters nicht mehr los, wenn verhaltenstherapeutische Verfahren (obwohl inhaltlich nur angerissen) als die  relevant wirksamen und hilfreichen Verfahren dargestellt werden, die am besten noch mit "Antidepressiva" vorzubereiten sind. Und das, obwohl seriöse Studien immer wieder und bis heute die Wirkung von Antidepressiva anzweifeln. Ein jüngstes Beispiel lieferte der Kölner-Stadt-Anzeiger hierzu in seiner Ausgabe vom 8.11.2016 im Interview mit zwei renommierten Gesundheitsexperten, die über eine Studie aus 2003/2004 (und ihre heutige Relevanz) zum Antidepressivum Prozac berichten: „Der Konzern erhielt dank ‚angepasster Daten‘ pro Jahr über eine Million Dollar Umsatz, bis endlich 2015 britische Wissenschaftler die Fakten neu bewerteten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das Medikament, das zwischenzeitlich den Rang einer Modedroge erreicht hatte, in seiner Wirkung schwach, dafür aber in den Nebenwirkungen stark war“. Und weiter heißt es dort, diese Studie hätte so nie publiziert werden dürfen, „die Auswertung war frisiert“.

 

Was bleibt noch zu sagen? Vielleicht dies:

Verehrte humanistische Psychotherapeut(inn)en, die ihr nicht nur mein Leben gerettet habt, sondern auch das vieler vieler anderer Ex- und noch Patient(inn)en, steht bitte auf und kämpft für eure Profession und uns! Schreibt, mailt, twittert oder facebookt euch die Finger wund zur Faktenlage! Nehmt Stellung zu Lobbyistentum und Faktenabsentismus. Holt all die Studien hervor zur Wirksamkeit humanistischer Psychotherapieverfahren – und schmeißt die öffentlichkeitsrelevanten Medien damit zu. Kurz gesagt: Sendet bis der Arzt kommt.

 

Denn wer nicht kämpft, hat schon verloren.

 

Christa Kosmala

 

 

 

GwG-Bloggerin Christa Kosmala:

Im Zweifel Rogers

Ich lebe mit meiner Familie in Köln, arbeite als Psychosoziale Beraterin in Einzelarbeit (Erwachsene, Jugendliche, Eltern, Führungskräfte) oder mit Teams (berufliche Teams in Organisationen) oder mit Gruppen (Familien, themenzentrierte Gruppen). Ein weiterer theoretischer wie praktischer Schwerpunkt sind Unterrichte, Trainings oder Einzelcoaching in „Kommunikation, Gesprächsführung, Konfliktklärung“. Ich habe einen Masterabschluss (M.A.) in Personzentrierter Beratung (PZB) gemacht sowie diverse Fortbildungen im psychologischen, psychsozialen sowie körperorientierten Bereich (Gesundheitsprävention). Mein Erststudium in Geisteswissenschaften (M.A.) an der Uni Köln mit dem Schwerpunkt in "Sinn- u. Seinsfragen" ist bis heute eine fortwährend hilfreiche Quelle geblieben, um Menschen und ihre Lebensbewältigungsstrategien zu verstehen.

Website: www.Christa-Kosmala.de