Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Was ist jetzt genau noch mal personzentriert?

19. Mai 2015 / Christa Kosmala (M.A.)

Was ist jetzt genau noch mal „personzentriert“?

von Christa Kosmala

Der „Kern psychotherapeutischen Handelns ist – darauf weisen alle Psychotherapiestudien hin – eine reflektierte Beziehungsgestaltung“, schreibt Fröhlich-Gildehoff in der aktuellen GwG-Zeitschrift im ersten Artikel. Die Zeitschrift widmet sich schwerpuntkmäßig dem Thema „Methodenvielfalt – der PZA und andere Verfahren“ und auch die nächste Zeitschrift soll davon handeln.

Spannende Themen, spannende Artikel, spannende Methoden. Was also sollte das leise Unbehagen bedeuten, dass ich verspürte, gerade bezogen auf den oben zitierten Satz? Und auch bezogen auf den Zeitschriftentitel. Denn „Methodenvielfalt“ und darunter subsumiert „ - der PZA und andere Verfahren“, was sollte das zusammen?

Was überhaupt soll personzentriert noch mal genau sein? Wenn „empathisch, positiv beachtend, wertschätzend und authentisch“ schon überall drin ist? Wenn die „Beziehung“ jetzt auch als das zentrale Element jeden psychotherapeutischen Handelns in den Fokus rückt, was heißt dann noch, im PZA ist die Beziehung die Therapie?  Oder war das schon immer so, dass auch „Beziehung“ überall an erster Stelle stand? Zufall, dass sich die Verhaltenstherapie jetzt auch „beziehungsorientierte Verhaltenstherapie“ nennt?

Also dachte ich mir, in diesem Blog versuche ich mal eine Art Brainstorming mit mir selbst darüber, was „personzentriert“ jetzt genau noch mal ist – für mich.

Logisch, dass ich damit anfange, dass der PZA seine Wurzeln in der Theorie und den Texten von Carl Rogers hat. Das bleibt trotz aller Weiterentwicklungen eine Tatsache. Grundlegend ist hier die „Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen“ - was alle Insider sowieso wissen (aber bei facebook liest das ja vielleicht der eine oder andere zum ersten Mal!). In dieser Theorie jedenfalls nennt Rogers ausdrücklich die bekannten sechs Bedingungen, die er als ausreichend für den Therapieprozess beschreibt. Ganz besonders drei davon gelten als die elementaren Einstellungen des Therapeuten oder Beraters. Der wesentliche Unterschied ist aber, wie gerade diese drei (Empathie, Akzeptanz, Kongruenz) ganz genau gemeint sind.

In vielen von Rogers (späteren) Schriften findet sich gerade die zentrale Dimension dieser theoretischen Darlegungen sinngemäß oder auch wörtlich wieder in dem Satz: Der Personzentrierte Ansatz ist eine grundlegende Philosophie und damit mehr als eine Methode oder Technik. Es ist eine „Seinsweise“, in der sich Einstellungen und Verhaltensweisen finden, die ein ganz bestimmtes Klima schaffen.

Es ist also ein bestimmtes Klima im Personzentrierten, in dem der Klient sich öffnen kann, seine Gefühle wahrnimmt, sich selbst mehr versteht, wachsen und sich entfalten kann (z.b. in Rogers/Schmid: Person-zentriert, 1991, S. 243). Der Fokus ist der Klient als die Person, die er gerade ist. Es geht um sein momentanes Erleben der Welt. Mit diesem Menschen bin ich vom ersten Moment an in einer beginnenden Beziehung. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, was heißt, ich bin nicht der Experte für das Leben des Klienten. Ich bin aber sehr präsent an seiner Seite oder auch als ein Gegenüber, das sein Erleben mit ihm zu verstehen versucht. Das ist nicht nur zurück sagen, was ich verstanden habe. Es ist mehr. Ich sage oder frage danach, ob es stimmen könnte, was ich über das Gesagte hinaus gehört habe. Meine Person, meine Art zu sein, zählt in dieser Begegnung. Durch meine personzentrierte Aus- und Fortbildung, meine Erfahrungswissen, meine humanistische Weltsicht, meine möglichst herzliche und warme Hin- oder Zuwendung bin ich in der Lage, dem Klienten ein wachstumsförderndes Klima anzubieten. Vom ersten Moment der Begegnung an.

Für mich kann ich sagen, ich erlebe das als eine Seinsweise und ich fühle mich darin „zuhause“. Ich bin dabei fortwährend beschäftigt mit meiner Kongruenz. Ich spüre nach, ob da Widersprüche sind, ob ich ein Ausweichen oder Zögern merke beim Klienten und gerade auch bei mir. Das spreche ich an, wo es förderlich sein kann. Ich suche mit dem Klienten nach den richtigen Worten, frage nach den Gefühlen, versuche die Balance zu halten zwischen Empathie, positiver Beachtung, Präsenz, Transparenz – und spüre mein Kongruenz, die mir die größte Hilfe ist, um den Selbstverstehensprozess des Klienten zu fördern und zu unterstützen. 

Am erfolgreichsten im Sinne einer positiven Veränderung waren Therapien, in denen die Klienten und Klientinnen die Kongruenz des Therapeuten deutlich wahrnahmen, gefolgt von den Verläufen, in denen Empathie gut wahrgenommen wurde.“ (Peter Knienider, Paranoia, 2014, S. 119)

Bei diesem Verstehensprozess gehe ich ganz selbstverständlich von der Aktualisierungstendenz aus, der Tendenz, sich selbst zu verwirklichen  (ein grundlegendes Postulat in Rogers Theorie). Diese Tendenz besteht natürlich in Abhängigkeit von den Entwicklungs- und Umgebungsbedingungen eines Menschen und es gäbe eine Menge dazu zu sagen, aber das muss ich  mir aus Platzgründen hier sparen.

Hier ist mir wichtig, noch darüber nachzudenken, wie es um die „Methodenvielfalt“ steht, die ich in der Zeitschrift für mich als Überschrift über den „PZA und andere Verfahren“ gelesen habe. Das kann man vielleicht auch anders lesen, aber mir ist es so vorgekommen. Fest steht, ich habe gar nichts dagegen, weitere Methoden kennenzulernen, wenn sie zur personzentrierten Seinsweise passen. Rogers selbst spricht sich auch gar nicht gegen Methoden aus, jedenfalls nicht ausdrücklich oder klar und deutlich. Aber: es findet sich bei ihm sinngemäß oder wortwörtlich die Aussage, dass erfolgreiche Therapie oder Beratung „mehr durch bestimmte Einstellungen des Therapeuten als durch sein Wissen, seine Theorien oder seine Techniken“ gefördert wird (z.b. in Rogers: Therapeut und Klient. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie. 1977 / 2002 – 17.Auflg., S. 149).

Wenn ich nun über Beispiele nachdenke, wo in meiner Arbeit Methoden hinzugekommen sind, dann ist das immer ein intuitives, spontanes Geschehen. Ich denke nicht vorher darüber nach oder plane das ein. Ganz im Gegenteil. Weil ich gar nicht vorher weiß, wie sich ein Prozess mit einem Klienten in einer Sitzung entwickelt. Zum Beispiel berate ich im Rahmen meiner Tätigkeiten eine Frau mit einem hoch aggressiven fünfzehnjährigen Sohn in Erziehungsfragen. Hier steht im Fokus des Jugendamtes als Auftraggeber, dass die Mutter von mir als Beraterin erfahren soll, wie sie ihren Sohn „richtig“ erzieht. Dieser wenig differenzierende Anspruch ist für mich aus institutioneller Sicht verständlich. Im konkreten Kontakt sieht die Sache aber ganz anders aus. Hier arbeite ich auf meiner personzentrierten Basis. Das heißt, ich habe eine Beziehung zur Mutter aufbauen können. In der vierten Sitzung war das Thema, auf welche Art und Weise die Frau mit ihrem Sohn sprechen könne, damit er „respektvoller“ mit ihr ist.  Meine Vorgehensweise war, herauszufinden, was sie ganz genau wann und wie tut im Konflikt mit ihrem Sohn.

Mein „methodisches“  Vorgehen im Verlauf der weiteren Sitzungen auf der Basis meiner personzentrierten Seinsweise bestand nun unter anderem darin, mit ihr die Kommunikationsmuster verstehbar zu machen, in denen sie beide interagierten. Dazu gehörten ihre Körperhaltungen (wenn sie mit ihrem Sohn sprach, machte sie sich „klein“ auf ihrem Stuhl, der Sohn machte sich „groß“ im Türrahmen) oder ihre Sprechweise (sie rief von der Küche aus in Richtung seines Zimmers, anstatt zu ihm zu gehen, anzuklopfen, mit ihm direkt in Kontakt zu treten). Es ging insbesondere darum, sie darin zu unterstützen, ihre Gefühle mehr wahrzunehmen und mehr „face-to-face“ ausdrücken zu können. Sodass sie für ihren Sohn sichtbarer, erkennbarer wurde – und sich ihre „autoritäre“ Fassade im Umgangston (nach dem Vorbild des eigenen Stiefvaters aus eigener Jugend) allmählich würde auflösen können.

In einem anderen Fall habe ich in der Zusammenarbeit mit einem Kollegen erlebt, dass es auch funktioniert, wenn einer von beiden zuerst personzentriert ist (Seinsweise) und der andere zuerst mehr „methodisch“ vorgeht. Unsere Vorstellung war, da wir vom humanistischen Grundsatz her zusammen passten, dass wir uns mit unserer Unterschiedlichkeit in den Ansätzen ergänzen könnten – im Sinne einer größtmöglichen Unterstützung für das Paar.

Im Ergebnis passierten zwei Dinge. Wenn wir verschiedener Meinung waren, nutzen wir die Methode des „Reflecting Team“. Wir baten das Paar (die einverstanden waren, sich darauf einzulassen), erst mal nur zuzuhören und diskutierten unsere unterschiedlichen Ideen. Zum Beispiel, wie wir die Situation einschätzten und was wir uns als Hilfeinterventionen vorstellten. Wir diskutierten in wertschätzender und achtsamer Weise offen vor dem Paar – über sie. So, als ob sie nicht dabei säßen. Oder wir machten transparent, wenn uns etwas aneinander irritierte. Wir zeigten, wie in strittigen Momenten ein konstruktiver Umgang miteinander aussehen konnte. Unsere Unterschiedlichkeit (mein Kollege war systemisch und gestalttherapeutisch orientiert, ich personzentriert) war erfolgreich. Die methodische Vorgehensweise meines Kollegen führte zu einer klaren Auftragsformulierung und deutlichen Worten, was der IST-Zustand war und zu deutlichen Fragen bezüglich der jeweiligen Wünsche für die Zukunft des Paares. Meine personzentrierten Interventionen bewirkten, dass insbesondere der Mann, der emotional eher verschlossen war, Zugang zu seinen Gefühlen fand – und seine Frau dies zum ersten Mal sehen konnte. Unsere verschiedenen Ausgangshaltungen konnten sich sehr gut ergänzen. 

Was die Familienarbeit betrifft, kann ich mir selten das Setting, die Situation oder den Ort aussuchen. Doch auf meine  personzentrierte Arbeitsweise kann ich mich verlassen.

Auf eine bestimmte Technik, ein konkretes Verhalten […], kommt es letztlich gar nicht an. Ein BeraterIn, die von Akzeptanz und Empathie durchdrungen ist, muss sich nicht weiter den Kopf zerbrechen, was sie sagen und tun soll. Alles, was sie unter dieser Voraussetzung tun wird, wird von der KlientIn als Verstehen und Akzeptanz erlebt werden und wird zu Recht als authentische Kommunikation gewertet.“ (Seithe, Mechthild: Engaging. Möglichkeiten klientenzentrierter Beratung in der soziale Arbeit, 2008, S. 68.)

Mechthild Seithe erwähnt hier die Kongruenz nicht explizit, aber sie ist Voraussetzung und sowieso in ihren gesamten Ausführungen ein zentrales Agens. Es geht dabei auch um Erfahrung in der Auseinandersetzung mit sich selbst und um den Entwicklungsstand der eigenen Persönlichkeit.  Peter F. Schmid spricht davon, dass „ein Mangel an Selbstbewußtsein, Selbstsicherheit, Kompetenz und Erfahrung“ nicht auszugleichen ist durch „Regeln, Handwerkszeug, Techniken oder Training bestimmter Verhaltensweisen“ (P.F. Schmid: Kreatives Nicht-Wissen, in PERSON 1/2005, S. 16).  Je weiter fortgeschritten man im personzentrierten Lernen und Arbeiten jedoch ist, um so kongruenter kann man sein. Und um so mehr kann gelingen, was zum Beispiel Finke als „drei Haupt-Techniken zur konkreten Verwirklichung der Kongruenz in der therapeutischen Situation nennt“, nämlich das „Konfrontieren, das Beziehungsklären und das Selbsteinbringen“ (Finke zitiert in Peter Knienider: Paranoia, 2014, S.141).

Das Ganze hätte ich vermutlich auch viel kürzer sagen können. Zum Beispiel so, wie in den folgenden und letzten zwei Absätzen dieses Blogs. Bloß wäre ich darauf ohne mein „allmähliches Verfertigen der Gedanken beim Reden“ (hier Nach-denken mit mir selbst) einfach nicht gekommen: 

ZUM EINEN ist das Besondere im personzentrierten Arbeiten das Entstehen der „Einzigartigkeit“ einer (therapeutisch) hilfreichen oder heilenden Beziehung – die durch meine Kongruenz, meine Empathie und meine positive Beachtung und Wertschätzung zustande kommt.  Gerade durch meine mir größtmögliche Kongruenz bin ich dabei so klar, durchschaubar und präsent, wie möglich. In Peter Knieniders „Paranoia“ (S. 141)  habe ich einen schönen „plakativen“ Satz zur Beziehung gefunden, der auch irgendwie alles mit beinhaltet, was dazu in diesem Blog steht: „Wen unklare Beziehungen krank gemacht haben, dem können nur besonders klare Beziehungen beim gesünder Werden nützen.“

ZUM ANDEREN ist es das besondere KLIMA, durch das diese einzigartige „besonders klare Beziehung“ entstehen kann. In diesem Klima ist eine bestimmte (humanistische) Sichtweise auf den Klienten vorhanden und eine besondere Seinsweise des Therapeuten gegeben, der die genannten Einstellungen verinnerlicht hat. Hierzu habe ich auch einen (nicht plakativen aber tragenden) Satz bei Peter F. Schmid gefunden: „Es ist der Klient, der sein Leben und die Bedeutung seiner Erfahrungen bestimmt und so den Therapeuten ' in-form-iert'. Der Therapeut ist aufgefordert, sich selbst zu öffnen und es zu riskieren, Teil einer einzigartigen Beziehung zu werden, die beide gemeinsam entwerfen und – kein geringes Risiko – gemeinsam reflektieren.“ (Schmid, PERSON 1/2005, S. 16)

 

GwG-Bloggerin Christa Kosmala:

Im Zweifel Rogers

Ich lebe mit meiner Familie in Köln, arbeite als Psychosoziale Beraterin in Einzelarbeit (Erwachsene, Jugendliche, Eltern, Führungskräfte) oder mit Teams (berufliche Teams in Organisationen) oder mit Gruppen (Familien, themenzentrierte Gruppen). Ein weiterer theoretischer wie praktischer Schwerpunkt sind Unterrichte, Trainings oder Einzelcoaching in „Kommunikation, Gesprächsführung, Konfliktklärung“. Ich habe einen Masterabschluss (M.A.) in Personzentrierter Beratung (PZB) gemacht sowie diverse Fortbildungen im psychologischen, psychsozialen sowie körperorientierten Bereich (Gesundheitsprävention). Mein Erststudium in Geisteswissenschaften (M.A.) an der Uni Köln mit dem Schwerpunkt in "Sinn- u. Seinsfragen" ist bis heute eine fortwährend hilfreiche Quelle geblieben, um Menschen und ihre Lebensbewältigungsstrategien zu verstehen.

Website: www.Christa-Kosmala.de