Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Therapie für den Forscher-Selbstwert

28. April 2015 / Jürgen Kriz

Kürzlich wurde eine Studie[i] veröffentlicht, in der eine 7-Tage-Intensivform Kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) mit einer standardmäßig wöchentlichen KVT und „Emotion-Focused Supportive Therapy“ für PTSD (angelsächsisches Kürzel für posttraumatische Belastungsstörung) verglichen wurde. Selbstverständlich, wie es heute für vermeintlich „hochwertige“ Studien erforderlich ist, mit einem randomisierten kontrollierten Design (RCT-Studie). Im Wesentlichen ergab sich, dass sich die beiden Formen der KVT untereinander kaum unterschieden, diese aber der Emotionsfokussierten Therapie hoch überlegen waren. Soweit die erfreuliche Botschaft des verhaltenstherapeutischen Autorenteams für sein Publikum – und wohl auch für die Öffentlichkeit.


Zweifellos hat die Frage nach der Wirksamkeit eines Ansatzes prinzipiell ihre Berechtigung. Allerdings ist das, was als „Ansatz“ bezeichnet wird, in der Komplexität therapeutischer Alltagsrealität von zahlreichen Einflüssen abhängig. Diese stehen zudem in dynamischer Interaktion, sodass man ihre Variabilität durch die Künstlichkeit konstanter Laborbedingungen ersetzen muss. Aussagen zur Wirksamkeit gelten dann nur für diese Bedingungen – was Praktiker zu Recht wenig beeindruckt. Andererseits gibt es zahllose Fragen im Bereich der Psychotherapie, die auch Praktiker interessant fänden und die es wert wären, erforscht zu werden. Etwa: Welche Aspekte sind über die Störungskategorien mittels ICD und die Therapiemethode hinaus für die Gestaltung und die Dynamik von Therapieprozessen besonders relevant? Gemeint sind Aspekte die zum Beispiel, im Sinne von „Passung“, in der Persönlichkeit des Patienten, der des Therapeuten sowie der bisherigen Interaktion zwischen beiden begründet sind. Aber auch Fragen nach einem differenziellen Umgang mit stabilisierenden versus destabilisierenden Beschreibungen von Gefühlen, von Beziehungen oder von Erklärungsprinzipien etc. wären interessant – und mit welchen Metaphern diese jeweils ausgedrückt werden.


Wohl jeder Therapeut kann hier leicht viele Fragen ergänzen, die ihn brennend für die Gestaltung seiner Arbeit interessieren würden. Allerdings lohnt es sich kaum, solche relevanten Fragen zur Wirkweise zu erforschen: Nur die o. a. RCT-Studien zur Wirksamkeit werden wichtig genommen – in Deutschland sind sie bekanntlich sogar entscheidend dafür, ob ein Therapieverfahren in Praxen ausgeübt werden darf. Und was nicht ausgeübt wird, wird auch nicht mehr an Universitäten gelehrt. Somit braucht man für solche Denk- und Forschungstraditionen auch keine Stellen mehr und muss keine Forschungsressourcen teilen. Jedenfalls lautet so der Begründungsstrang für den geistigen Kahlschlag im Namen vermeintlicher Evidenz und Wissenschaftlichkeit.


Wichtig ist es also, in der RCT-Arena im Überlebenskampf gegen die Konkurrenz zu punkten. Daher ist es besonders ärgerlich, wenn dieser Überlebenskampf mit unredlichen Mitteln ausgetragen wird. Was die eingangs zitierte Studie betrifft, so zählt „Emotion-Focused Therapy“ (EFT) von Greenberg, Elliott, Watson u. a. seit vielen Jahren zu den am häufigsten untersuchten Ansätzen der Humanistischen Psychotherapie. Zahlreiche RCT-Designs zeigten hohe Effektstärken der EFT auch gegenüber KVT. Daher ist der gewählte Titel der o. a. Studie von Ehlert et al. für all jene besonders interessant, die zum Zwecke der Metaanalysen und/oder als Argument im Konkurrenzkampf auf RCT-Ergebnisse fokussieren: Die erbrachte Überlegenheit von KVT gegenüber „Emotion-Focused Therapy“ erscheint schon beachtenswert.


Doch wenn man genauer hinsieht, zeigt sich, dass die „Emotion-Focused Supportive Therapy“ gar keine EFT ist. Hier wurde stattdessen etwas „designed“, um, so die Autoren, eine glaubwürdige („credible“) Kontrollgruppe mit „nichtspezifischen therapeutischen Faktoren“ zur eingesetzten KVT zu haben. Eine Attrappe bzw. ein Dummy also. Und obwohl die Studie in London und Oxford durchgeführt wurde – in Great Britain also, wo EFT international ganz besonders stark vertreten ist – tauchen im Literaturverzeichnis kein einziger EFT-Autor und kein Hinweis auf diesen Ansatz Humanistischer Psychotherapie auf. Stattdessen wurde einfach selbst etwas zusammengestrickt und so benannt. Nun, genaugenommen steht im Titel ja nicht nur EFT, sondern auch das Wörtchen „Supportive“. Aber ist es wirklich zufällig, wenn man nicht einfach von „Kontrollbedingungen“ oder Ähnlichem spricht, sondern eine Bezeichnung wählt, die weitgehend identisch mit einem konkurrierenden Ansatz ist? Womit zumindest fahrlässig eine Verwechslung in Kauf genommen (wenn nicht intendiert) wird, die dann in Metaanalysen oder in anderen Kontexten EFT in Misskredit bringt. Nicht jeder kann die Zeit aufwenden, so detailliert und genau hinzusehen. Und es ist nicht das erste Mal, dass man unter Begriffen wie „Rogerian supportive Therapy“ [ii] einen therapeutischen Pipifax – der vielleicht sogar Patienten schadet – als „Kontrollbedingung“ zum Beweis der eigenen Überlegenheit kreiert und damit die Ansätze Humanistischer Psychotherapie diskreditiert. Wäre neben sauberen RCT-Bedingungen nicht erstmal ein sauberer Umgang mit Therapieformen wesentlich? Bräuchte es nicht dringend Humanistischer Psychotherapie, um den Selbstwert solcher Forscher zu heben, die so wenig an den Erfolg der KVT glauben, dass sie sich nicht einem wissenschaftlich redlichen und fairen Miteinander der Ansätze stellen mögen, sondern befürchten, nur durch unredliche Arrangements ihrem Ansatz nützen zu können?
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  • [i] Ehlers, A. et al. (2014): A Randomized Controlled Trial of 7-Day Intensive and Standard Weekly Cognitive Therapy for PTSD and Emotion-Focused Supportive Therapy. Am J Psychiatry 171,3, 294-304
  • [ii] Z.B.: Cottraux J, et al (2009): Cognitive therapy versus Rogerian supportive therapy in borderline personality disorder. Two-year follow-up of a controlled pilot study. Psychother Psychosom; 78: 307–316
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