Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Einseitiges „Welt“-Bild

22. März 2016 / Jürgen Kriz

Die deutsche „Willkommenskultur“ wird zusehends auf eine harte Probe gestellt. Die Euphorie, mit der sich die Deutschen im Sommer 2015, flankiert von ihren Medien, über sich selbst und ihre enthusiastische Begrüßung der Flüchtlinge in Begeisterungstrance versetzten, ist verflogen. Dazu hat zum einen die nüchterne Alltagsrealität beigetragen – weiß man doch, dass euphorische Zustände grundsätzlich nicht lange anhalten. Zum Zweiten haben wohl die meisten Menschen hierzulande die Zahl der kommenden Flüchtlinge deutlich unterschätzt.
Dass nun realistischere Einschätzungen über die längerfristigen Perspektiven eingekehrt sind und Probleme nicht einfach vom Tisch gewischt werden, ist erfreulich. Denn ohne Realitätssinn wäre eine wünschenswerte, zumindest mittelfristig tragfähige Flüchtlingspolitik nicht denkbar. Die Herausforderungen sind beachtlich, die Gegebenheiten überaus komplex, und einfache Lösungen dürfen nicht erwartet werden. Ein sachlich angemessener gesellschaftlicher Diskurs über Möglichkeiten und Grenzen (im doppelten Sinne) wäre somit notwendig und hilfreich.
Doch – wie nicht selten im Alltag – ebbt eine übertriebene, kurzsichtige Euphorie nicht einfach nur ab, sondern droht, sich ins Gegenteil zu verkehren. Und wieder wird auch dies von den Medien begleitet. Denn wenn in Befragungen als „Meinung der Deutschen“ deren Ängste in Bezug auf die Asylanten „objektiv-berichtet“ werden, stellt sich die Frage, aus welchen Quellen die Bevölkerung ihre Informationen bezieht.
Nachdenkenswert ist die Mixtur aus Globalaussagen und individuellen Einzelschicksalen, welche auf die öffentliche Meinung nicht ohne Einfluss bleiben: Schon als im Juli 2015 Angela Merkel ein weinendes Flüchtlingsmädchen zwar „umarmte“, aber auf ihre gesetzlichen Grenzen beim Bleiberecht hinwies, entfachten Medien einen Sturm der Entrüstung über die „hartherzige“ Kanzlerin – der STERN meinte gar, über „die Eiskönigin“ Titeln zu müssen. Im September 2015 löste dann ein Foto eines toten Flüchtlingskindes am Strand von Bodrum eine massenmediale Lawine des Mitgefühls und der Empörung über die Flüchtlingspolitik der EU aus (obwohl bekanntermaßen Tausende zuvor – und danach! – im Mittelmeer ums Leben kamen).


Nun aber, seit Ende 2015, rückt das Leid realer Menschen aus dem medialen Fokus. Stattdessen werden Politiker mit Aussagen über Flüchtlings-„Ströme“, -„Massen“ oder gar -„Lawinen“ zitiert. An Einzelschicksalen werden nun die negativen herausgestellt: Berichte über kriminelle Handlungen, Bedrohungen, Drogendeals etc. – und selbst erfundene Entführungen und Vergewaltigungen treiben tausende Fehlinformierter zu „Protesten“ und zum „Schutz ihrer Kinder“ auf die Straße.
In diesen Trend passt, dass beispielsweise die Zeitung „Die Welt“ am 17. Januar 2016 unter der Überschrift „Extrem fordernd, unzuverlässig und aufdringlich“ ausführlich die Geschichte einer Beraterin in einer Hamburger Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge unter das Volk streut. Schon der Titel macht klar, was dann in über 10.000 weiteren Zeichen ausgebreitet wird: das Bild von undankbaren, ungebührlich fordernden, aggressiven, übergriffigen Asylanten – auch wenn es heißt „Natürlich darf man auf keinen Fall pauschal über alle Flüchtlinge urteilen“, um dann aber im nächsten Satz zu betonen: „Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist die Zusammenarbeit mit 90 Prozent von denen, die ich treffe, eher unangenehm und leider nicht so, wie ich mir das vorher gedacht habe.“ Immerhin hat diese Geschichte – von einer Welt-Redakteurin „protokolliert“ – den Caritasverband Essen zu einem Pressegespräch veranlasst, in dem eine Flüchtlingsberaterin und eine Einrichtungsbetreuerin über ihre Erfahrungen in einem Wohnheim mit männlichen Flüchtlingen zwischen 18 und 30 Jahren berichten. Der Text liest sich völlig anders. Von „herausragender Dankbarkeit“ und guter „Vertrauensbasis“ ist dort die Rede und die „Betreuungsarbeit wird geschätzt“. Ohne dass Probleme – zum Beispiel mit der Deutschen „Pünktlichkeit“ – ignoriert werden. Auch meine eigenen Recherchen im Raum Osnabrück ergaben, dass von vier Frauen, die in ähnlichem Umfeld mit männlichen Flüchtlingen arbeiten, keine von ihnen mit Respektlosigkeit oder gar demütigendem Verhalten zu tun gehabt hat.


Es geht nun aber nicht darum, die eine „Wahrheit“ gegen die andere auszuspielen: Solche Einzelberichte sind immer selektiv. Auch sind die Erfahrungen der Hamburger Beraterin – sofern diese denn ohne Bias „protokolliert“ wurden – als solche ernst zu nehmen. Eine systematische Recherche in Deutschland würde wohl ein großes Spektrum an Erfahrungen – guten wie schlechten – als Ergebnis präsentieren. Wer würde auch anderes erwarten? Es ist hier auch nicht der Ort, näher zu analysieren, wie gut die Beraterin in Hamburg vorbereitet wurde, die sich „auf diesen Job“(!) „explizit beworben“ und sich „wie verrückt darüber gefreut“ hatte. Wenn man Sätze liest wie „Ich habe voll Begeisterung in die Gegend gegrüßt und fand die alle ganz toll“ und „Das wird sicher richtig super hier, habe ich mir gedacht“ kann man eine angemessen-realistische Vorbereitung anzweifeln. Ebenso eine unterstützende Supervision, wenn die Kolleginnen bezüglich „Anmache“ lediglich sagen „dass man nichts dagegen machen kann“, oder als Ausweg folgt: „Ich … lächle niemanden an, damit man das nicht falsch verstehen kann.“ Mangelnde Vorbereitung und Supervision der Beraterin kann man dieser nicht anlasten – aber auch nicht den Asylanten.
Da drängt sich mir die Frage auf, welche Motive wohl dahinter stehen, wenn bei einem – leicht zu recherchierenden – heterogenen Erfahrungsspektrum ein so einseitiges „Welt“-Bild verbreitet wird. Weder den Asylanten noch den FlüchtlingsberaterInnen noch einer angemessenen Debatte über die Flüchtlingsproblematik ist so etwas zuträglich.